07/09/2026
Online Release
Essay
In ihrem wissenschaftlichen Essay zur Ausstellung Imi Knoebel: Projektion im Projektbüro DFI e.V. verfolgt Martina Dobbe, wie die frühen Lichtprojektionen des Künstlers aus den Jahren 1968–74 fotografisch und videografisch aufgezeichnet wurden, im Archiv fortbestehen und in den Inkjet-Prints von 2026 neue Gestalt annehmen. Sie bettet die frühe Werkreihe in das künstlerische Umfeld der späten 1960er Jahre ein – von der Bauhaus-Tradition und der Konkreten Fotografie in Darmstadt über das Umfeld von Joseph Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie bis zur frühen Konzeptkunst im Rheinland – und fragt dabei nach dem Status der Fotografie und der Bedeutung des Archivs in Knoebels künstlerischem Denken.

Ausstellungsansicht von Imi Knoebel: Projektion im Projektraum DFI e.V.
Von Martina Dobbe
„Imi Knoebel: Projektion“ (Abb. 1) im Projektbüro DFI e.V. am Eiskellerberg in Düsseldorf präsentierte auf der einen Seite Knoebels frühe, experimentelle Werkreihe gleichnamigen Titels aus den Jahren 1968-74, die auf Lichtprojektionen im Innen- und Außenraum zurückgeht, welche in zahlreichen Fotografien festgehalten sind. Aus dieser frühen Werkreihe wurde auch das singuläre Video „Projektion X“, 1972, gezeigt, das Knoebels Lichtprojektionen videographisch dokumentiert. Auf der anderen Seite waren großformatige Inkjet-Prints von 2026 zu sehen, die auf dasselbe fotografische Material zurückgreifen, jedoch eine eigene Bildästhetik entfalten und das Verständnis von Fotografie im frühen 21. Jahrhundert auf die Probe stellen. Zwischen diesen beiden Polen erörterte die Ausstellung1 die Frage nach dem Status der Fotografie als Medium und Material in Knoebels künstlerischem Denken genauso wie die Frage nach Rolle und Relevanz von Knoebels fotografischem Archiv2. Beide Fragen bilden die Leitlinie der folgenden Überlegungen.
Im Zentrum der Präsentation am Eiskellerberg stand Imi Knoebels „Archivschrank“3 mit 152 Mappen und 5799 Fotografien seiner Innen- und Außenprojektionen der Jahre 1968-74 (Abb. 2). Skulptural aufgefasst, ist der Schrank zugleich das wohlgeordnete Archiv seiner ursprünglich ephemeren Lichtprojektionen und -installationen. Die Systematik des Archivs erschließt sich über das Konvolut der Kontaktabzüge, die in Ordnern abgelegt sind (Abb. 3) und während der Ausstellung eingesehen werden konnten. Mit den jeweils zugeordneten handschriftlichen Notizen, die u.a. festhalten, welche Kontakte verworfen und welche als gültige Abzüge im Format 24 x 30 cm in „Archivschrank“ eingegangen sind, bilden die Ordner eine Art Repertorium, gegliedert nach den 17 unterschiedlichen Innen- und Außenprojektionen, die fotografisch dokumentiert wurden. Dieses Repertorium kann auch herangezogen werden, wenn für Fototableaus in Ausstellungen – wie etwa in der Präsentation am Eiskellerberg (Abb. 4)4 – rekapituliert werden soll, aus welchen Fotostrecken die einzelnen Abzüge stammen, die, blockhaft angeordnet, zu einer abstrakten, lebendigen Lichtzeichnung zusammengestellt sind.
1 – Imi Knoebel versteht „Imi Knoebel. Projektion“ nicht eigentlich als Ausstellung, sondern als ein Arbeitsprojekt im Projektbüro DFI e.V. „Imi Knoebel. Projektion“ kann insofern auch exemplarisch dafür stehen, wie das Projektbüro DFI e.V. den eigenen Arbeitsauftrag versteht.
2 – Knoebel selbst spricht von (s)einem Archiv, wenn er sich auf das Konvolut der Fotografien bezieht, die in „Archivschrank“ – so der Titel der ausgestellten Arbeit – aufbewahrt sind.
3 – „Archivschrank“ gibt es in zweifacher Ausführung. Der in Düsseldorf gezeigte Archivschrank ist das Exemplar aus dem Atelier des Künstlers, zu dem auch die Ordner mit den Kontaktabzügen gehören. Ein zweites, inhaltlich und formal identisches Exemplar (ohne Ordner) gehört zur Sammlung Schaufler im Schauwerk Sindelfingen. Diese Doppelung unterstreicht den ‚zwitterhaften‘ Status des Objekts/Archivs. Das Konvolut der Glasdias, mit denen die Projektionen realisiert wurden, die in den Fotografien dokumentiert sind, befindet sich im Hessischen Landesmuseum Darmstadt/Sammlung Ströher.
4 – Die Legende zu dem im Projektbüro des DFI e.V. gezeigten Block mit 16 kleinformatigen Fotografien wies jede Fotografie einzeln mit Titel, Entstehungsjahr und Archivnummer (zusammengesetzt aus Filmnummer und Kontaktbildnummer) aus. „Projektion 1, 1969, P1/27 Kontakt 16“ verweist dementsprechend auf das Kontaktbild Nr. 16 aus dem Film 27 von Projektion 1. Die Präsentationsform (rahmenlose Bildhalter) verwies auf die Art und Weise, wie die Fotografien in den 1970er Jahren gezeigt wurden (vgl. die Ansichten aus der Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam 1972, hier Abb. 11).

Abb. 1 – Ausstellungsansicht von Imi Knoebel: Projektion, Projektbüro DFI e.V.
V.l.n.r.: Projektion 2, 1969, P2/4 Kontakt 34 Inkjet-Print, 2026, 160 x 240 cm, Archivschrank mit 152 Mappen, Projektion 1, 1969, P1/27 Kontakt 16, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 5, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 18, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 22, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 23, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 24, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt c15, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt b18, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt b31, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt b30, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt c35, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 2, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt b17, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 18, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 30, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 33 (S/W Prints 24 x 30 cm), Kontaktabzüge (Ordner, 1968 – 1974), Archivmaterial
Foto: A. R. / DFI e.V.

Abb. 2 – Archivschrank mit 152 Mappen
Foto: A. R. / DFI e. V.

Abb. 3 – Kontaktbogen Projektion P1/21, 20 x 25cm
© Imi Knoebel

Abb. 4 – Projektion 1, 1969, P1/27 Kontakt 16, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 5, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 18, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 22, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 23, Projektion 4, 1971, P4/1 Kontakt 24, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt c15, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt b18, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt b31, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt b30, Projektion 4, 1971, P4/2 Kontakt c35, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 2, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt b17, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 18, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 30, Projektion 4, 1971, P4/3 Kontakt 33 (15 + 1 S/W Prints 24 x 30 cm)
Foto: A. R. / DFI e. V.
Die Genese der Werkreihe „Projektion“ weist auf die Anfänge von Knoebels künstlerischer Entwicklung zurück. Imi Knoebel hatte zunächst an der Werkkunstschule Darmstadt studiert, an der zum damaligen Zeitpunkt in Vorkursen unterrichtet wurde, wie Itten und Moholy-Nagy sie am Bauhaus entwickelt hatten. Die Fotografie wurde in Darmstadt von Kilian Breier vertreten, der seinerseits bei Otto Steinert in Saarbrücken studiert hatte und zeitweise in der neuen gruppe saar engagiert war. Breier zählt zu Vertretern der Konkreten Fotografie, die mittels der Fotografie zumeist ungegenständliche Bilder schufen, die von graphischen Strukturen und klaren Licht-Schatten-Konfigurationen geprägt sind.5
Die Impulse und Fertigkeiten aus dem Studium in Darmstadt sollte Knoebel an der Kunstakademie Düsseldorf (ab 1964) aufgreifen, freilich nicht in ‚angewandter‘ Perspektive, sondern in eigenständiger künstlerischer Entfaltung. Bekanntlich hat er sich an der Kunstakademie nur kurze Zeit in der Klasse für „Angewandte Graphik“ (geleitet von Walter Breker) aufgehalten. Zeichnung und Grafik gehörten weiterhin zu seiner Praxis, jedoch nicht in der vom Darmstädter Unterricht verlangten Propädeutik. Und fotografisches Arbeiten hatte 1964 in Düsseldorf noch keinen institutionellen Ort, wiewohl Hilla Becher im Rahmen ihres Studiums bei Breker (1958-1961) die Einrichtung einer ersten Werkstatt für Fotografie übertragen worden war. Imi Knoebel kann sich nicht daran erinnern, dass ihm in seinem Studium in Düsseldorf bekannt war, dass diese Werkstatt (wohl ‚nur‘ mit einer Schwarz-Weiß-Dunkelkammer) existierte. In der Darmstädter Zeit hatte er hingegen großes Interesse an der seinerzeit neu eingerichteten Farb-Dunkelkammer gehabt, in der bekanntlich in absoluter Dunkelheit gearbeitet werden muss. Man kann vermuten, dass seine Arbeit mit Projektionen in abgedunkelten Innenräumen auf diese Darmstädter Erfahrung zurückgegriffen hat.
Zusammen mit Imi Giese, mit dem er von Darmstadt nach Düsseldorf gewechselt war,6 ‚lungerte‘ Knoebel dann, wie er im Gespräch mit Johannes Stüttgen berichtete, so lange ‚bei Beuys‘ herum, bis dieser den beiden einen eigenen Atelierraum, Raum 19, zugestand und sie „einfach machen“7 ließ – hatten doch die geometrisch-abstrakten Ansätze von Imi & Imi scheinbar wenig zu tun mit dem, was in Atelier 20, der eigentlichen Beuys-Klasse, zur Debatte stand.
Als erste gültige Werkgruppe realisiert Knoebel in der Düsseldorfer Akademiezeit die sog. Linienbilder (Abb. 5)8, weiß grundierte Tafelbilder9, auf die er mit einer Ziehfeder, schwarzer Tusche und Lineal strenge Rasterstrukturen auftrug, geprägt durch die gleichbleibende Abfolge von zumeist Vertikalen. Von Bild zu Bild konnte die Breite der weißen bzw. schwarzen Linien variieren, innerhalb eines Bildes blieben die Abstände stets gleich. Denn nicht eine innerbildliche Komposition war das Thema dieser Arbeiten, sondern eine experimentell immer wieder neu aufgegriffene, systematische Untersuchung des Verhältnisses von Linie und Fläche im und als Bild. Andere Linienbilder (Abb. 6) gingen mit den schwarzen Linien eher sparsam um und setzten Grundfläche und Linienraster in ein über die Bildgrenzen hinausweisendes Rapportverhältnis. Der Versuch, das Bild in äußerster Form zu reduzieren, wurde schließlich bis zum leeren, mehrteiligen Bild erweitert. Die „weiße Leere […] bekam […] nun einen positiven Wert, der die Aufmerksamkeit auf andere Substanzen des Tafelbildes lenkte: auf das Material, die Oberfläche und das Volumen, auf die Maße und die Winkel und nicht zuletzt auf das Verhältnis der Bilder zur Wand und zum Raum.“10
5 – Breier lehrte von 1960-1966 als Dozent für Fotografie und Trickfilm an der Werkkunstschule Darmstadt. Vgl. Kilian Breier. Fotografik 1953-1990, Ausstellungskatalog Saarland Museum Saarbrücken, hg. v. Ernst-Gerhard Güse, Saarbrücken 1991; Neue Gruppe Saar. Institut für Aktuelle Kunst im Saarland an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, hg. v. Claudia Maas und Michael Jähne, Saarbrücken 2003; einen Überblick über die Konkrete Fotografie vermittelt die Monografie Gottfried Jäger, Rolf H. Krauss, Beate Reese (Hg.): Konkrete Fotografie = Concrete Photography, Bielefeld 2005.
6 – Die beiden hatten sich schon im Studium in Darmstadt kennengelernt und sind 1964 nach Düsseldorf gewechselt; zwei Jahre arbeiteten sie auch außerhalb der Kunstakademie in einem gemeinsamen Atelier.
7 – Knoebel, zit n. Johannes Stüttgen: „Aus ‚Der ganze Riemen‘ – IMI & IMI 1964-1969“, in: Imi Knoebel, Ausstellungskatalog Stedelijk Van Abbe-Museum, Eindhoven 1982, S. 95.
8 – Die Werkgruppe der Linienbilder umfasst fast 90 Bildtafeln. Teile der Gruppe wurden erstmals auf dem Winterrundgang der Akademie 1967/68 in Raum 19 gezeigt. Vgl. Imi Knoebel. Linienbilder 1966 bis 1968, Ausstellungskatalog Kunstverein St. Gallen Kunstmuseum, Köln 1999.
9 – Es handelt sich um Hartfaserplatten, mit Linnen überzogen. Martin Schulz (Imi Knoebel. Die Tradition des gegenstandslosen Bildes, München 1998, S.38) hinterfragt Knoebels Rede vom „Bild“: „Die Bezeichnung ‚Bild‘ ist vor allem in Anlehnung an das klassische Medium des Tafelbildes zu verstehen, mit dem Imi Knoebel von Anfang an konkurrierte.“
10 – Schulz 1998 (wie Anm. 9) S. 41-42.

Abb. 5 – s 0,6 w 1,0, 1967 (Linienbild)
weisse und schwarze Dispersion auf Linnen über Hartfaserplatte
160,5 x 130,3 x 4,4 cm
© Imi Knoebel
Foto: Nic Tenwiggenhorn

Abb. 6 – A 7, 1967
weisse und schwarze Dispersion auf Linnen über Hartfaserplatte
160,4 x 130,3 x 4,3 cm
© Imi Knoebel
Foto: Nic Tenwiggenhorn
Die von Katharina Sieverding aufgenommene Fotografie „Projektionsbildgröße“, 1969 (Abb. 7) belegt den Moment, in dem Knoebel das Tafelbild nahezu ganz ‚entmaterialisiert‘ hat. Zugleich kann man hier den Beginn von Knoebels Arbeit mit Lichtprojektion und Fotografie in der Werkreihe der „Projektionen“ erkennen. „Das Weiß war schon zuviel! Deshalb kam das Licht dazu. Das Weiß war zuviel, das Material war zuviel, das Licht war auch schon zuviel. Dann habe ich versucht, das Rechteck oder das Quadrat auf die weiße Wand zu malen, und schließlich habe ich nur noch die Maße angeschrieben.“11 Für die reine Lichtprojektion ergab sich die Form aus einem entsprechend präparierten Dia, die Größe der projizierten Form aus dem Abstand zwischen Diaprojektor und Wand. Bald darauf wurde auch das andere bildnerische Vokabular – allem voran die Linie, parallel senkrechte Linien, parallel waagerechte Linien, diagonal verlaufende und sich kreuzende Linien, Striche, Balken, Winkel etc.– zur reinen Projektions’figur‘. Knoebel überzog dafür den Glasträger des Diapositivs mit einer Schicht Retuschierfarbe und ritzte mit einem Skalpell sein Formvokabular in die Farbschicht hinein. Bei der Projektion im abgedunkelten Innenraum trat die geometrische Zeichnung leuchtend hervor, zusätzliche Lichteffekte ergaben sich bei Überstrahlung von Gegenständen sowie durch Restlichter im Raum. Eine kleinere Gruppe der Innenprojektionen („Projektion 2“) basierte auf malerisch anmutenden Strukturen, für die Knoebel die Retuschierfarbe mit einem Pinsel aufgetragen hatte. Bei den Außenprojektionen wiederum traten vor allem die Brechungen der projizierten, abstrakten Formen an der gegenständlichen Wirklichkeit in den Blick.
Die Fotografie kam nun zum Einsatz, um all diese visuellen ‚Ereignisse‘ festzuhalten. Freilich hatte sie nicht nur dokumentarischen Charakter. Denn „im Kontrast zwischen Projektionslicht und umgebender Dunkelheit eliminiert sie die raumdefinierenden Gegebenheiten. Es entsteht ein zweidimensionales Schwarzweißbild […]. Allein die Fotografie ermöglicht es, den Raum zu negieren und die unterschiedlichen Lichtbrechungen als eine Folge von Formen in der Fläche wiederzugeben.“12
11 – Imi Knoebel in Schulz 1998 (wie Anm. 9), S. 160.
12 – Maren Polte, „Die Kadrierung der Wirklichkeit. Zur Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie“, in: Die Geschichte der Kunstakademie Düsseldorf seit 1945, Berlin/München 2014, S. 320.

Abb. 7 – Projektionsbildgroeßen Atelieraufnahme, 1969
© Imi Knoebel
Foto: Katharina Sieverding
Die „Projektionsbildgrößen“ (Übermalungen der Projektionen unterschiedlich großer Bildformate auf der Wand mit weißer Farbe), und die Werkreihe der „Projektionen“ (Projektionen von Linien, Kreisen und Figuren, die schwarz-weiß fotografiert und in Abzügen von 24 x 30 cm Größe reproduziert werden)13 konnten zwischen 1968 und 1974 in wichtigen Ausstellungen gezeigt werden: „Projektionsbildgrößen“ beispielsweise in der Galerie art & project in Amsterdam, dokumentiert im Bulletin Nr. 31 von 1970 (Abb. 8a, Abb. 8b). Knoebels Einzelausstellung im Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven (Abb. 9a, Abb. 9b, Abb. 9c) brachte „Projektionsbildgröße“ mit dem kurze Zeit später von Blinky Palermo ikonisierten Schaufenster in einen Dialog, wobei man die Glasfront des Kabinetts bei Knoebel fast als monumentales Diapositiv verstehen kann.14 1971 war Knoebel in der Kunsthalle Düsseldorf in „Prospect `71: Projektion“ vertreten (Abb. 10a, Abb. 10b)15. 1972 wurden erstmals Projektionen als Dia-Installation im Raum gemeinsam mit Fotografien der Innen- und Außenprojektionen ausgestellt, und zwar im Rahmen der Einzelausstellung Projektion 4/1-11, 5/1-11 im Stedelijk Museum Amsterdam (Abb. 11).
1972 erweiterte Knoebel schließlich das Konzept der Außenprojektionen noch durch das – singulär gebliebene – Experiment mit dem Bewegtbild: zusammen mit Gerry Schum realisierte er das Video „Projektion X“ (Abb. 12a, Abb. 12b) für dessen Videogalerie. Mit einem lichtstarken Projektor sowie einer Multidiodenkamera16, montiert auf dem Dach von Gerry Schums umgebauten Wohnmobil, fuhren die beiden durch das nächtliche Darmstadt und zeichneten auf, welche Lichtspuren das projizierte X im Stadtraum hinterließ. „Den Reichtum an optischen Eindrücken verdankt das ungeschnittene Tape der unterschiedlichen Schnelligkeit des Fahrzeugs, der jeweiligen Straßenführung, der Beschaffenheit der Projektionsfläche sowie ihrem Abstand und Winkel zur Fahrtrichtung.“17 Die videospezifischen Nachzieheffekte bei schwachem Licht werden zusätzlich als eigentümliche Unschärfen und Lichtbewegungen wahrgenommen.
13 – So die Werkbeschreibungen von Carmen Knoebel, „Werkbiographie“, in: Imi Knoebel. Werke 1966-2014, Ausstellungskatalog Kunstmuseum Wolfsburg, Bielefeld 2014, S. 44.
14 – Blinky Palermos Ausstellung in Bremerhaven – mit „Fenster I“ (Wandmalerei) – fand im Dezember 1970 / Januar 1971 statt. Knoebel hat im Kabinett für Aktuelle Kunst Bremerhaven 1969 („Hartfaserbilder“), im September 1970 („Projektionsbildgrößen“) und 1972 ausgestellt. Die ersten 25 Jahre des Kabinetts für aktuelle Kunst wurden aufgearbeitet in: Vorhut aus dem Hinterland. Künstler aus 25 Jahren, Kabinett für Aktuelle Kunst Bremerhaven im Neuen Museum Weserburg, Bremen 1992.
15 – Vgl. für eine erste Aufarbeitung der für die Durchsetzung der Konzeptkunst im Rheinland wichtigen Ausstellungsreihe „Prospect“ (ab 1968) Philipp Kaiser, „Ausdifferenzierung im System. Einige Bemerkungen zu Prospect 1968-1976“, in: Wolke & Kristall. Die Sammlung Dorothee und Konrad Fischer, hg. v. Anette Kruszynski u.a., Bielefeld 2016, S. 173-180.
16 – Ready to Shoot. Fernsehgalerie Gerry Schum / videogalerie schum, Ausstellungskatalog Kunsthalle Düsseldorf, hg. v. Ulrike Groos, Barbara Hess und Ursula Wevers, Köln 2003, S. 272: „Die Nachtaufnahmen waren nur mit einer Spezialkamera möglich, einer Multidiodenkamera, die das Essener Museum Folkwang der videogalerie schum für diese Produktion zur Verfügung gestellt hatte. Der hohe Stromverbrauch der Produktion konnte durch die leistungsfähige elektrische Anlage des Reisemobils gedeckt werden.“
17 – Vgl. Christiane Fricke, „Dies alles Herzchen wird einmal Dir gehören“. Die Fernsehgalerie Gerry Schum 1968-1970 und die Produktionen der Videogalerie Schum 1970-1973, Frankfurt am Main 1996, S. 381. Fricke, die den Blick, dem Titel ihres Buches entsprechend, primär auf Schums Arbeit richtet, stellt heraus, dass „Projektion X“ von allen Produktionen Schums am besten dessen medienspezifischen Ansatz deutlich machen konnte, insofern die „spezifischen Besonderheiten der Videotechnik [wie etwa die Nachzieheffekte, M.D.] bewußt in das ästhetische Konzept eingebunden wurden.“ (S. 381)


Abb. 8a+b
w knoebel - projektionsbildgrößen - Bulletin 31 der Galerie art & project
Projektionsbildgrössen / W Knoebel / projections in various sizes (dusseldorf/berlin/edinburgh/utrecht) november 1970, 29.7 x 21 cm
Credit: ftn-books.com

Abb. 9a – Kabinett für aktuelle Kunst, Bremerhaven 1970
© Imi Knoebel
Foto: Wesseler


Abb. 9b+c – Einladung Kabinett für aktuelle Kunst, Bremerhaven 1970
© Imi Knoebel

Abb. 10a – Prospekt, Kunsthalle Düsseldorf 1971
© Imi Knoebel
Foto: Bernd Jansen

Abb. 10b – Prospect 71: Projection - Art Press 1971
Catalogue published fot the exhibition Prospect 71 on October of 1971.
Edited by Konrad Fischer, Jürgen Harten and Hans Strelow.
Bild: saint-martin-bookshop.com

Abb. 11 – Projektionen, Stedelijk Museum Amsterdam 1972
© Imi Knoebel
Foto: Stedelijk Museum Amsterdam


Abb. 12a+b – Einladung zur Ausstellung art intermedia / Helmut Rywelski, Köln
Titel: Projektionen – Projekte 1973, schwarz-weiß Offset, 30 cm x 21 cm
© Imi Knoebel
Man kann die Abfolge der frühen Arbeiten von 1966/68 bis 1974 also, wie gerade geschehen, Schritt für Schritt rekapitulieren und den inneren Zusammenhang von Knoebels material und medial differenten Werkgruppen (Tafelbilder, Bildobjekte, Installationen, Projektionen, Fotografien) betonen. Gleichwohl sollte man sich hüten, seinem Werk eine lineare, entwicklungsgeschichtliche Logik zu unterstellen. Dies widerspräche dem offenen Werkkonzept, das Knoebel von Anfang an – und bis heute – pflegt. Statt chronologisch-linear, entfaltet sich sein Werk eher in Reihen oder Gruppen, deren zentrale Parameter (Bildträger, Material, Farbe/Farbauftrag, Serielle Anordnung u.a.) systematisch, aber nie abschließend untersucht werden. Vollständigkeit ist keine Zielsetzung dieser Systematik.18 Gefragt, wie bei sehr umfangreichen Werkgruppen die Entscheidung fällt, wann die Arbeit beendet wird, auch wenn noch nicht alle möglichen Varianten durchformuliert sind, antwortete Imi Knoebel beim Atelierbesuch am 12. Mai 2026: „wenn die Unendlichkeit beginnt“. ‚Modulationen‘ und ‚Reprisen‘ zu einem späteren Zeitpunkt und in einem anderen materialen oder medialen Setting bleiben also möglich.19 Dem offenen Werkkonzept widerspricht auch jede allzu einfache Zuordnung seiner Arbeiten zu den Kunstströmungen seiner Zeit, etwa wenn die Linienbilder mit ihren Rastern zum Phänomen des grids in der amerikanischen Malerei in Beziehung gesetzt werden, oder die nahezu monochrom weißen Tafeln mit Rauschenbergs „White Paintings“ der 1950er Jahre verglichen werden.20 Insbesondere die Charakterisierung von Knoebels Werk als minimalistisch greift zu kurz.
Auf der anderen Seite kann freilich auch irritieren, dass Knoebels Umgang mit der Fotografie und dem Fotografischen von der späteren Kunstkritik respektive Kunstgeschichtsschreibung selten gewürdigt wurde – so einschlägig seine Arbeiten in den genannten intermediären Ausstellungs-Kontexten der späten 1960er Jahre auch gewesen sind und im Kontext der beginnenden Konzeptkunst (und deren Gebrauch der Fotografie) hätten wahrgenommen werden können. Ausnahmen bestätigen die Regel: Insbesondere Johannes Stüttgen hat die Radikalität und Bedeutung des fotografischen Werks von Knoebel retrospektiv, 1994, betont21, und zwar zu einem Zeitpunkt, als Knoebels Fotografien zum Beispiel in der Retrospektive 1968-1996 in Kunsthalle Düsseldorf noch einmal gezeigt, aber kaum auf öffentliche Resonanz gestoßen waren.22 Man kann vermuten, dass dies nicht zuletzt damit zu tun hatte, dass seinerzeit die sog. Düsseldorfer Fotoschule mit ihrem ganz anders gelagerten Fotoverständnis die Debatten um die Fotografie als bildende Kunst dominierte. Auch in den rezenten Anthologien zur Kunst der Projektion, zur Geschichte der Dia-Installation oder eben zu den Gebrauchsweisen von Fotografie in der Kunst findet sich der Verweis auf Knoebels Werkreihe der „Projektionen“ vergleichsweise selten.23
Umso faszinierender ist es, innerhalb des Œuvres von Knoebel zu verfolgen, wie (und wie unterschiedlich) der Künstler auf die „Projektionen“ in späteren Werkgruppen zurückgegriffen hat. Dabei wird deutlich, wie zentral das Konvolut der Fotografien für sein Gesamtwerk geblieben ist, auch wenn er nach 1974 nicht mehr selbst mit der Fotokamera gearbeitet hat. Ebenso faszinierend ist es nachzuvollziehen, wie das Projekt „Imi Knoebel. Projektion“ 2026 die Brücke von den fotografischen und intermediären Diskursen der 1960er/70er Jahre hin zu den heutigen Fragen „Towards Photography“ schlägt.
Technisch und archivarisch muss man hier von den Herausforderungen der Digitalisierung sprechen: So wurde „Projektion X“ in eine Digitalversion überführt, die eine großformatige, wandfüllende Wiedergabe erlaubt und damit eine andere Rezeptionsform ermöglicht als die ursprüngliche Darstellung auf dem Monitor. Knoebels Sammlung von 5799 analogen Fotografien im Archivschrank, die seit den 1960er Jahren bewusst den Zwischenraum zwischen künstlerischem Objekt und Arbeits-Archiv für den Künstler einnimmt, wird durch die Digitalisierung der Kontaktabzüge für wissenschaftliche Fragen der Kunst- und Fotografiegeschichte geöffnet. Exemplarisch lassen sich hier die Debatten um die Bewahrung des fotografischen Erbes und die Herausforderungen der Archivierung von Künstler-Sammlungen studieren. Und die Digitalisierung ausgewählter Fotografien sowie die technische Expertise derer, die die neuesten Digitalisierungsprozesse und Drucker-Entwicklungen für Inkjet-Prints einbrachten, ermöglichten es Knoebel 2026, seine 24 x 30 cm großen analogen Fotografien der 1960er/70er Jahre in 160 x 240 cm großen Inkjet-Prints (Abb. 13a, Abb 13b neu zu sehen.
18 – Der systematische Charakter der „Projektionen“ wird in „Archivschrank“ durch Ordnung und Anzahl der dort abgelegten Fotografien betont. Vergleichbar systematisch und noch umfangreicher ist Knoebels Konvolut von „250 000 Zeichnungen“, 1968-1975 entstanden, in sechs ca. 230 cm hohen Archivschränken abgelegt (Sammlung Dia Art Foundation, New York).
19 – So wurde etwa darauf hingewiesen, dass Knoebel die Formen, die sich bei den Projektionen ‚ereigneten‘ und die fotografisch festgehalten wurden, in anderen Werkgruppen, z.B. den Mennigebildern (ab 1976), wieder aufgegriffen hat.
20 – Vgl. Roland Wäspe, „Anfangen“, in: Imi Knoebel. Linienbilder 1999 (wie Anm. 8), S. 15-21.
21 – „Imi Knoebel war nicht nur einer der ersten in Düsseldorf in den späten 1960er Jahren, der die Fotografie als eigenständiges künstlerisches Medium in seiner Arbeit eingesetzt hat, sondern sicher auch einer der darin konsequentesten und radikalsten.“ (Johannes Stüttgen, „Einige Anmerkungen zu den photographischen Arbeiten der Jahre 1968–1974 von Imi Knoebel“ (1994), Typoskript (pdf verlinken); abgedruckt in: Imi Knoebel. Werke von 1966 bis 2006, Ausstellungskatalog Wilhelm-Hack-Museum, hg. v. Dirk Martin, Bielefeld 2008, S. 24-25.
22 – Vgl. Imi Knoebel. Retrospektive 1968-1996, Ausstellungskatalog Haus der Kunst München / Kunsthalle Düsseldorf, hg. v. Marja Bloem, Ostfildern 1996.
23 – Für die Auseinandersetzung mit Dia-Installationen und Projektionen wären zu konsultieren: Into the light. The projected image in American art 1964-1977, Ausstellungskatalog Whitney Museum of American Art, hg. v. Chrissie Iles, New York 2001; Slide Show. Projected images in contemporary art, Ausstellungskatalog The Baltimore Museum of Art u.a., hg. v. Alexander M. Darsie u.a., Pennsylvania 2005. Projektion. Ausstellungskatalog Kunstmuseum Luzern, hg. v. Susanne Neubauer, Frankfurt am Main 2006 (hier war Knoebel mit „Projektionsbildgröße“, Fotografien sowie dem Video „Projektion X“ vertreten).


Abb. 13 a+b – Projektion X, 1972
s/w Fotografien, Standfotos zu Video Projektion X
© Imi Knoebel
Fotos: Carmen Knoebel
Präzise platziert, aber nicht ausstellungstechnisch ‚geglättet‘, ungerahmt und nicht in die Fläche gezwungen, konnten die Inkjet-Prints in „Imi Knoebel. Projektion“ ihre eigene Materialität ausspielen und zugleich die Qualität des originalen Materials, mit dem Knoebel in den 1960er/70er Jahren gearbeitet hat, ins Gespräch bringen. Das Potential, das diese Aktualisierung der analogen Fotografien birgt, ließ sich am Eiskellerberg zum Beispiel in „Projektion 2, 1969, P2/4 Kontakt 34“, 2026 (Abb. 14), nachvollziehen, insofern hier die malerische Makrostruktur (des projizierten Farbauftrags) mit der körnigen Mikrostruktur (des zugrundeliegenden Filmmaterials) optisch interagiert und eine eigene, ‚materialistische‘ Lesart des Fotografischen nahelegt. In den Großformaten bewahrheitete sich auf diese Weise, was Johannes Cladders 1984 als Kern des offenen Werkkonzepts von Knoebel beschrieben hat: Imi Knoebel „liebt es, den Linien seines bisherigen Werkes nachzugehen bis zum jeweiligen „Jetzt“. Doch nicht mit dem Ziel, Entwicklung nachzuweisen. Er greift in sparsam gesetzten Akzenten auf Arbeiten zurück, die einmal ein „Jetzt“ für ihn waren; die es jedoch […] auch immer wieder werden können.“24 Die Präsentation im Projektbüro des DFI e.V. hat ein solches „Jetzt“ von Fotografie und Archiv – 2026 – eindrücklich vor Augen geführt.
24 – Johannes Cladders (Nachwort) in: Imi Knoebel, Künstlerbuch/Ausstellungskatalog Städtisches Museum Abteiberg, Mönchengladbach 1984, unpag. (S. 70).

Abb. 14 – Imi Knoebel, Projektion 2, 1969, P2/4 Kontakt 34“, Inkjet-Print, 2026, 160 x 240 cm
Foto: A.R. / DFI e. V.
–
Dr. Martina Dobbe war von 2015–2025 Professorin für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart an der Kunstakademie Düsseldorf. Zuvor war sie Professorin für Kunstgeschichte an der UdK Berlin.
Idee & Konzeption: Moritz Wegwerth
Redaktion & Projektkoordination: Emma Rüther
Grafik: Edi Winarni
TOWARDS PHOTOGRAPHY wird gefördert von der Landeshauptstadt Düsseldorf.