29/11/2025 – 17/01/2026
Projektbüro DFI e.V.
Ausstellung
Eiskellerberg 1-3
40213 Düsseldorf
Eröffnung:
SA, 29/11, 16–20 Uhr
Öffnungszeiten:
Samstags, 14–18 Uhr
Finissage:
SA, 17/01, 16–18 Uhr
Annette Kelm und Maren Lübbke-Tidow im Gespräch (16–17 Uhr)









Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Bruno Frei, Hanussen. Ein Bericht, 1934
Mit einem Vorwort von Egon Erwin Kisch
Sebastian Brant-Verlag, Strasbourg
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Joachim Ringelnatz, Kinder-Verwirr-Buch, 1931
Ernst Rowohlt Verlag, Berlin
Einbandgestaltung Joachim Ringelnatz
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Erika Mann, School for Barbarians. Education under the Nazis, 1938
Einleitung Thomas Mann
Übersetzung H.T. Lowe-Porter, Princeton, N.J., 1938, Modern Age Books, New York
Einbandgestaltung Irving Politzer
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Helene Stöcker, Liebe, 1927
Verlag der Neuen Generation, Berlin-Nikolassee
Einbandgestaltung John Heartfield
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Alfred Kerr, Die Diktatur des Hausknechts, 1934
Les Associés Editeurs, Bruxelles
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Anna Seghers, Visado de Transito, 1944
Traducción del alemán por Angela Selke y Antonio Sanchez Barbudo, Editorial Nuevo Mundo, México, D. F. Impreso y Hecho en Mexico
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Lili Körber, Eine Frau erlebt den roten Alltag. Ein Tagebuch-Roman aus den Putilowwerken, 1932
Rowohlt, Berlin
Einbandgestaltung John Heartfield
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Erika Mann, Stoffel fliegt übers Meer, 1932
Herold-Verlag R. & E. Lenk, Stuttgart Einbandgestaltung Richard Hallgarten
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Kurt Tucholsky, Lerne lachen ohne zu weinen, 1931
Ernst Rowohlt Verlag, Berlin
Fotografie: Wellington Film Manufacture
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul
Für ihre Serie „Die Bücher“ fotografierte Annette Kelm (*1975) die Cover der Bücher, die 1933 verboten und öffentlich verbrannt wurden. Die im Projektbüro des DFI e.V. gezeigten Fotografien bilden eine Gegenerzählung zu den Bildern der Täter.
Als im Frühjahr 1933 die Nationalsozialisten die ersten Bücherverbrennungen durchführten, blieben die einzelnen Buchtitel in dieser propagandistischen Inszenierung weitgehend unsichtbar. In Kelms Serie werden sie nicht nur wieder sichtbar, sie entfalten durch ihre Darstellung eine neue visuelle Kraft.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme organisierte die Deutsche Studentenschaft im Rahmen der „Aktion wider den undeutschen Geist“ die Verfolgung jüdischer, sowie als marxistisch oder pazifistisch eingestufter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Die darauf folgenden Bücherverbrennungen fanden ab Frühjahr 1933 an vielen Orten in Deutschland statt; der Bebelplatz in Berlin wurde später zum bekanntesten Schauplatz. Zu den verbrannten Büchern gehörten Titel von Autorinnen und Autoren wie Erich Kästner, Erika Mann, Kurt Tucholsky oder Else Lasker-Schüler. Bereits am 11. April 1933 – und damit noch vor der Aktion in Berlin – fand in Düsseldorf eine der ersten Bücherverbrennungen statt: vor dem damaligen Planetarium, dem heutigen Gebäude der Tonhalle im Ehrenhof, in unmittelbarer Nähe zur Kunstakademie und zum heutigen Projektbüro des DFI e.V.
Viele dieser Umschläge wurden in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren gestaltet, in einer Phase, in der Verlage verstärkt mit Künstler*innen, Typograf*innen und Grafiker*innen zusammenarbeiteten. Die Entwürfe greifen die Bildsprachen der Moderne auf – Expressionismus, Konstruktivismus, Bauhaus, Dada, Fotomontage und eine experimentelle Typografie. Namen wie Werner Beucke, John Heartfield, Käthe Kollwitz oder Georg Salter stehen für diese Entwicklung. Die Gestaltung der Bücher spiegelt einen liberalen, urbanen Zeitgeist, der 1933 ein gewaltsames Ende fand. Viele der in diesen Büchern verhandelten Themen – Demokratie, Frauenrechte oder Fragen der sexuellen Identität – erhalten heute wieder eine neue Aktualität.
Indem Annette Kelm die Umschläge vergrößert und sachlich präzise wiedergibt, enthüllen die Fotografien Details und kleinste Materialzeichen, die im Original kaum wahrnehmbar sind. Gleichzeitig entstehen durch den einheitlichen Maßstab und die gleichen formalen Kriterien Bezüge zwischen den Werken – eine klare, vergleichbare Abfolge. Die Serie eröffnet einen Blick auf die Vielfalt ihrer Gestaltung und die unterschiedlichen Spuren ihres Gebrauchs.
Kelm nutzt die Bedingungen und Möglichkeiten der Fotografie, um zu zeigen, wie das Medium Aufmerksamkeit lenkt, Bedeutung setzt und Geschichte sichtbar macht.
Ihre Bilder richten den Blick nicht allein auf das Dargestellte, sondern auf die Art und Weise, wie die Darstellung entsteht. Fotografische Bilder sind nie neutral; sie setzen Perspektiven und prägen, wie historische Wirklichkeit wahrgenommen wird. Kelms Serie stellt der überlieferten Bildwelt der Bücherverbrennungen eine andere Form der Sichtbarkeit gegenüber. Nicht die Inszenierung des Feuers, sondern die Bücher selbst treten hervor – als erhaltene Objekte mit einer eigenen Geschichte und zeitlichen Tiefe.
Die Bücher werden in den Fotografien als verletzliche Zeugnisse sichtbar – Objekte, die Spuren ihrer Nutzung und ihrer Geschichte tragen. In den vergrößerten und präzise ausgearbeiteten Aufnahmen werden kleinste Materialzeichen lesbar: Faltungen, Abrieb, Kanten oder leichte Verfärbungen. Feine Schatten und minimale Erhebungen erzeugen eine sachliche Plastizität; die Oberfläche zeigt sich als dreidimensionales Objekt.
Jedes dieser Bücher hätte vernichtet werden sollen und existiert dennoch weiter. Die Bücher treten hier nicht als vernichtete oder verlorene Objekte auf, sondern als Träger dieser Geschichte. So bekommen sie etwas von der Macht und Würde zurück, die ihnen die Nationalsozialisten für immer nehmen wollten. Das mag nicht trösten und erst recht nichts heilen, ein zärtlicher Akt historischer Gerechtigkeit könnte es dennoch sein.
Die Serie entstand 2019 im Rahmen des Projektes „Tell me about yesterday tomorrow“ des NS-Dokumentationszentrums München, kuratiert von Nicolaus Schafhausen und Mirjam Zadoff.
AUSSTELLUNGSANSICHTEN






















Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher
© AR / Courtesy DFI e. V.
INTERVIEW
Annette Kelm im Gespräch
Wie bist du dazu gekommen, die Cover von in der NS-Zeit verbrannten und verbotenen Büchern zu fotografieren?
Ich wurde 2019 von Nicolaus Schafhausen und Mirjam Zadoff eingeladen, für die von den beiden im NS-Dokumentationszentrum München kuratierte Ausstellung mit dem Titel „Tell me about Yesterday Tomorrow“ eine Arbeit zu entwickeln. Es war eine Ausstellung zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust, aber auch zu Themen wie Rassismus und Migration. Es war eine sehr vielschichtige Ausstellung, zu der sie 50 Künstler*innen eingeladen hatten. Die Einladung war relativ offen und da ich mich in meiner Arbeit oft mit Objekten beschäftige, habe ich nach Dingen gesucht, die einen Bezug zum Ansatz der Ausstellung herstellen. Im Untergeschoss sind einige der damals verbotenen Bücher ausgestellt. Ich war gleich von ihnen in den Bann gezogen und es war klar, dass ich mich mit ihnen beschäftigen möchte.
In welcher Form sind sie dort zu sehen?
In Vitrinen. Die dort gezeigten Bücher habe ich am Ende gar nicht fotografiert, sondern eng mit dem inzwischen leider verstorbenen Sammler Ralf Wassermeyer aus Lübeck zusammengearbeitet. Er besaß eine großartige Sammlung, und hatte zum Beispiel alle Ausgaben des Malik-Verlags und alle Covervariationen von John Heartfield und alle Bücher im besterhaltenen Zustand. Mir war es wichtig möglichst unversehrte Exemplare zu finden, weil ich wollte, dass die Bücher frisch und lebendig wirken. Durch die Fotografie möchte ich sie in die heutige Zeit zurückholen und ihnen Sichtbarkeit zurückgeben.
Auf dem Bebelplatz gibt es seit 1995 das „Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung“ von Micha Ullmann.
Ich finde diesen Erinnerungsort sehr schön, weil das leere Bücherregal den Verlust thematisiert. Nach 1933 konnten viele Schriftsteller*innen in Deutschland nicht mehr publizieren. In der Auswahl für mein Projekt sind auch einige Exilausgaben, wie Anna Seghers’ „Transit“, das in Mexiko erschienen ist – oder Bücher, die in Straßburg oder Amsterdam verlegt wurden, etwa im Querido-Verlag. „School for Barbarians“ von Erika Mann – über die Erziehung im Nationalsozialismus – wurde zuerst in New York verlegt…

Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Anna Seghers, Visado de Transito, 1944
Traducción del alemán por Angela Selke y Antonio Sanchez Barbudo, Editorial Nuevo Mundo, México, D. F. Impreso y Hecho en Mexico
Courtesy the artist and Esther Schipper Berlin/Paris/Seoul

Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Erika Mann, School for Barbarians. Education under the Nazis, 1938
Einleitung Thomas Mann Übersetzung H.T. Lowe-Porter, Princeton, N.J., 1938, Modern Age Books, New York
Einbandgestaltung Irving Politzer
Sind es alles Erstauflagen, die du für „Die Bücher“ fotografiert hast?
Es sind alles Ausgaben aus der Zeit bis 1945, die meisten davon Erstausgaben . Teil meines Konzeptes war es, pro Autor*in ein Buch auszuwählen. Cover, Autor*in und Titel mussten im Rahmen der Gesamtauswahl Sinn ergeben. Manchmal habe ich vom jeweiligen Autor*in einen bekannten Titel ausgesucht, wie etwa „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Bei Thomas Mann ist es aber zum Beispiel „Mario und der Zauberer“ und nicht der „Zauberberg“. Von Stefan Zweig habe ich „Der Flüchtling. Eine Episode vom Genfer See“ ausgewählt, ein kleines Büchlein, das 1927 als Beigabe zur Bücherlotterie anlässlich der Leipziger Buchmesse erschienen ist. Ich habe dieses Exemplar gewählt, weil es in der Gestaltung schlicht, aber sehr schön ist – ein Vorläufer der heutigen Insel Taschenbücher. Und weil der Titel zeigt, dass die damaligen Themen leider wieder aktuell sind. Es ist an vielen Stellen eine recht persönliche Auswahl.
… eine persönliche Auswahl entlang von Kriterien wie Originalität des Covers oder Überraschungseffekt?
Das Bild muss als Bild funktionieren und etwas über die bloße Darstellung hinaus transportieren. Jedes einzelne abgebildete Buch sehe ich im Zusammenhang mit den anderen. Ich wollte eine große Bandbreite an Gestaltung, Themen und Autor*innen abbilden. In der Debatte um die Bedrohung der literarischen Vielfalt durch große Plattformen wird heute oft der Begriff “Bibliodiversität” verwendet. Wenn man so will, ging es mir auch um deren retrospektive Darstellung für die damalige Zeit.

Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher im Projektraum DFI e.V.
© AR / Courtesy DFI e. V.
Bist Du, nachdem Du dich für das Thema entschieden hattest, erst in die Recherche gegangen und hast diese Bücher gelesen oder hast du einfach an den Objekten entlang gearbeitet?
Sowohl als auch. Zwischen 1938 und 1941 wurde von der Reichschrifttumskammer die „Liste des unerwünschten und schädlichen Schrifttums“ erstellt, sie wurde jährlich ergänzt. Darauf wurde aufgeführt, welche Titel aus Buchhandlungen und Bibliothek entfernt werden sollten. Diese Liste habe ich durchgeschaut. Es ist interessant zu sehen, was auf der Liste steht und was nicht. Bei vielen Autor*innen, wie Kurt Tucholsky oder Anna Seghers, war das komplette Werk verboten. Bei anderen – wie Erich Kästner – waren einzelne Bücher erlaubt, etwa „Emil und die Detektive“, während alle anderen verboten waren.
Diese Liste umfasste mehrere tausend Werke. Gab es eine Zahl, die Du Dir für Deine Auswahl als Ziel gesetzt hast?
In München waren es 24. Das ergab sich daraus, dass ich eine Wand bekommen hatte – die 2 x 7 Meter groß war –, und ich habe einfach so viele Bilder gehängt, wie darauf passten. Ich habe sie so gehängt, dass die Rahmen auch noch seitlich über die Wand hinaus ragten. Die nächste Ausstellung war dann im Salon Berlin des Museums Frieder Burda in der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule in Berlin. Dort habe ich 50 Motive gezeigt. Abgeschlossen habe ich die Serie schließlich mit 102 Büchern, die ich in der Kunsthalle zu Kiel und im ICA Milano ausgestellt habe. Die Anzahl der gezeigten Bilder war also immer abhängig von den Gegebenheiten vor Ort. Diese Variation gefällt mir.
Was einem sofort auffällt: es gibt keinen einheitlichen Typus der Covergestaltung. Alle sind individuell.
Man merkt, dass dass die Vorderseite der Bücher erst als Gestaltungsraum entdeckt wurde. Die Covergestaltung war ganz neu und viele Künstler*innen haben damals Buchcover gestaltet: Rudolf Schlichter, George Grosz, Käthe Kollwitz, John Heartfield natürlich, ein herausragender Gestalter. Oder Georg Salter, der später in die USA gegangen ist. Eins meiner Lieblingscover ist das von John Heartfield gestaltete Buch von Helene Stöcker, „Liebe“, bei dem das Wort „Liebe“ wie eine Treppe nach unten führt. Oder „Lenin“, wie mit Blut geschrieben. Bei dieser ersten autorisierten Lenin-Biografie ist interessant, dass der Name des Autors Henri Guilbeaux auf dem Cover nicht auftaucht. Es hat großen Spaß gemacht, immer neue Autor*innen und neue Gestaltungen zu entdecken. Oskar Maria Graf, ein bayrischer Schriftsteller, Sozialist und Pazifist stand zum Beispiel zuerst auf der „Weißen Liste“ der Nationalsozialisten – als Leseempfehlung. Er hat darauf die Protestschrift „Verbrennt mich auch!“ in der Wiener Arbeiterzeitung veröffentlicht und landete schließlich auch auf der Liste.

Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Upton Sinclair, Das Geld schreibt. Eine Studie über die amerikanische Literatur, 1930
Malik Verlag, Berlin Autorisierte Übersetzung von Elias Canetti
Einbandgestaltung John Heartfield

Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Helene Stöcker, Liebe, 1927
Verlag der Neuen Generation, Berlin-Nikolassee
Einbandgestaltung John Heartfield

Annette Kelm, Die Bücher, 2021
Franz Carl Weiskopf, Umsteigen ins 21. Jahrhundert. Episoden von einer Reise durch die Sowjetunion, 1927
Malik Verlag, Berlin
Einbandgestaltung John Heartfield
Oskar Maria Graf ist heute noch ein Begriff, aber viele Namen sind heute kaum bekannt.
Ja, die Biografien sind sehr unterschiedlich und oft auch bedrückend. Es hat mich regelrecht erschrocken, wie viele dieser Autor*innen vergessen wurden. Gina Kaus zum Beispiel hatte für Ihre Stücke viele Preise bekommen und ging als Jüdin ins Exil nach Los Angeles gegangen und war auch als eine der wenigen Frauen in Hollywood als Drehbuchautorin erfolgreich, sie kennt man heute kaum noch. Irmgard Keun wiederum hat die Zeit in Köln in einer kleinen Dachwohnung verbracht und wurde erst in den 1970er-Jahren wiederentdeckt, nachdem Jürgen Serke sie durch seine Reportage „Die Verbrannten Dichter“ im „Stern“ wieder bekannt gemacht hat. Mascha Kaléko ging ins Exil in die USA und wurde nach dem Krieg wieder in Deutschland publiziert. Die Cover spiegeln die Gesellschaft der Weimarer Republik wieder. Es war eine Zeit, in der in Deutschland zum ersten mal eine offene, demokratische Gesellschaftliche möglich war und viele zum ersten mal Gehör fanden, die vorher keine Stimme hatten.
Wie lange braucht man eigentlich, um ein Buch zu fotografieren?
Ich brauche immer viel Zeit um herauszufinden, wie ich einem Gegenstand nähern möchte. Wenn ich dann weiß, wie ich es machen will und den Lampen Aufbau festgelegt habe: nicht lange. Ich habe eine Weile gebraucht, um die geeignete Herangehensweise zu finden, weil ich alle Bücher auf die gleiche Weise fotografieren, sie alle gleich behandeln wollte: immer derselbe Abstand zur Kamera, immer dasselbe Licht. Dieser kleine Schatten, der dabei entsteht, ist wichtig, damit man das Buch als dreidimensionales Objekt wahrnimmt. Auch Belichtung und Größe des Bildes habe ich einheitlich gehalten und diese Parameter auf die ganze Serie übertragen.
Sie sind alle im gleichen Größenverhältnis? Nicht eins zu eins, aber proportional identisch vergrößert?
Ja, das ist wichtig für die Serie. Mir ging es darum, alle Bücher gleich zu behandeln- auch in dem Sinne, dass ich die Verluste nicht hierarchisieren wollte. Egal, ob die Autor*innen heute noch bekannt sind, oder nicht.
Die Cover der Bücher bekommen in deinen Fotografien eine Präsenz als Objekt. Durch den Schatten entsteht ein Gefühl von Präsenz. Es sind Dinge in der Welt.
Und doch hat eine Fotografie eine andere Art der Präsenz, als es eine Präsentation eines Buches selbst hätte. Fotografie trägt Spuren der Realität, bildet sie aber nicht einfach ab, sondern transzendiert sie auf je eigene Weise. So öffnet sie sich für unterschiedliche Wahrnehmungen. Mir ist wichtig, dass diese Offenheit bestehen bleibt, damit Betrachter*innen eigene Dinge hineinlesen können. Man soll sich trauen können, selbst etwas zu sehen.

Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher im Projektraum DFI e.V.
© AR / Courtesy DFI e. V.
Wo hast du überall fotografiert?
Im Depot der der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, in der Bibliothek der Akademie der Künste in Berlin und in Lübeck bei dem schon erwähnten Sammler Ralf Wassermeyer. Auch von Udo Kittelmann habe ich viele der Bücher ausgeliehen. Als ich mit ihm vor einigen Jahren eine Ausstellung im Auswärtigen Amt plante, habe ich ihm von meinem Projekt erzählt. Da erfuhr ich, dass er selbst viele dieser von den Nationalsozialisten verbotenen Bücher sammelt. Er hat mir viele Exemplare geliehen, die ich dann bei mir Studio fotografiert habe.
Udo Kittelmann, ehemaliger Direktor der Neuen Nationalgalerie, hatte jahrelang eine Bücherkolumne im Kunstmagazin Monopol – „Kittelmanns Klassiker“. Er hat darin Bücher vorgestellt, die kaum jemand kannte.
Udo hat ein enormes Wissen und der Austausch mit ihm war sehr wichtig für mich. Ich bin schon lange mit ihm verbunden. Wir kennen uns seit 2005, als er in der Jury für den ART COLOGNE for Young Art Preis, den ich damals bekommen habe.
Apropos Rheinland: Du hast gerade ein Semester lang Christopher Williams an der Kunstakademie in Düsseldorf vertreten. Sieht es dort immer noch so aus wie zu Zeiten von Bernd und Hilla Becher?
Inmitten des Equipments und der historischen Räume dort fühlte ich mich wie auf einer Zeitreise. Es gibt noch viele Großbildkameras aus der Zeit der Bechers und digitale Rückteile, die vermutlich Andreas Gursky oder Thomas Ruff einmal angeschafft haben. Babette Bangemann, die bei Bernd Becher studiert hat leitet noch das Labor und kann von den Zeiten berichten. Auch die Räume selbst erzählen viel Fotografiegeschichte. Am Anfang hatte die Fotografie an der Akademie gar keinen so hohen Stellenwert und musste in die eher unrepräsentativen Räume unter dem Dach ziehen. Die Räume sind heute noch dort, allerdings renoviert. Hilla Becher war die ausgebildete Fotografin; die Professur hatte aber Bernd Becher inne. Inzwischen müsste es ungefähr die 10. Generation Fotografie Studierender dort sein. Ein Freund, der in der Becher Klasse studiert hatte, erzählte mir, dass Lüpertz die Fotografie- Professur von Bernd Becher durchgesetzt hatte, weil er gehofft hatte, dass dann Fotografen am Haus wären, die gleich die vielen Gemälde fotografieren könnten.
Die Räume der Becher-Klasse liegen immer noch unter dem Dach der Akademie?
Genau. Unter dem Dach, mit tollem Blick über Düsseldorf und wunderschönem Tageslicht, mit dem ich sehr gerne arbeite.
Du selbst hast nicht in Düsseldorf, sondern in Hamburg studiert, an der Hochschule für Bildende Künste. Warum?
Ich habe mir verschiedene Akademien in Deutschland angeschaut und mich dann an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg beworben, weil sich die Atmosphäre in der Stadt und an der HfbK nach Freiheit anfühlte und ich außerdem an Konzeptkunst interessiert war. Mit 20 bin ich nach dem Abitur von Stuttgart nach Hamburg gezogen, um dort Kunst zu studieren. Nach dem Grundklassenjahr hatte ich keine Lust, mich sofort einer Klasse anzuschließen. Die Vorstellung, mich älteren, meist frauenfeindlichen und autoritären männlichen Professoren unterzuordnen, gefiel mir nicht besonders. Ich habe mich dann eher an jüngere Gastprofessor*innen gehalten: Cosima von Bonin, Stephan Dillemuth und Wolfgang Tillmans. Das war für mich total gut, weil es sich sehr frei anfühlte. An der Akademie habe ich mich mit Fotografien von selbstgeschweißten Skulpturen beworben, die ich nach der Schule im Jugendhaus gemacht hatte, und mit Steinskulpturen, die ich selbst gehauen hatte. Für viele dieser Skulpturen habe ich zunächst Fotografien als Ausgangspunkt verwendet, die ich selbst gemacht aufgenommen hatte.
Wie muss man sich das vorstellen?
Für eine Steinskulptur zum Beispiel habe ich mich selbst in der Pose fotografiert, die ich darstellne wollte, oder für eine andere Skulptur Fotos von Rindern, die ich auf einer Urlaubsreise mit meinen Eltern gemacht habe. Die Fotos habe ich dann als Vorlage benutzt, um die Figuren anzufertigen. Die Skulpturen stehen heute noch bei meinen Eltern im Garten.
Du bist also eigentlich als Bildhauerin gestartet.
Es hat mir immer Spaß gemacht, Dinge anzufertigen. Ich hätte es damals nicht gewagt zu sagen: „Das ist jetzt Kunst.“ Das spielte für mich keine Rolle. Ich wollte einfach gestalten. Ich habe viel Zeit auf Abenteuerspielplätzen verbracht, dort Holzhäuser gebaut und so weiter. Dort kam ich auch zum ersten Mal mit Fotografie in Berührung: Es gab einen Sommerworkshop, und wir haben im Ziegenstall Schwarzweißbilder von Meerschweinchen, Katzen und anderen Tieren vergrößert, die wir vorher selbst aufgenommen hatten. Das war ein magischer Moment – die Erfahrung, etwas aufzunehmen und es in der Dunkelkammer auf dem Papier erscheinen zu sehen. Das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.
Wie alt warst du da?
Vielleicht so um die acht Jahre. Aber ich hatte danach lange keine eigene Kamera, deshalb habe ich nicht direkt weiterfotografiert. Ich habe lange eher Skulpturen gemacht und versucht zu malen. Eigentlich hätte ich gerne in Hamburg klassische Ölmalerei gelernt, aber Malen war damals – in dieser sehr konzeptuellen Atmosphäre – total out. Ich habe irgendwo im hintersten Eck jemanden gefunden, der mir gezeigt hat, wie man eine Leinwand aufspannt. Ich habe dann oft Fotos auf Leinwände projiziert und abgemalt, aber am Ende waren die Fotografien immer besser als die Malerei. Irgendwann habe ich die Malerei weggelassen.
Der Ort des Geschehens, des Machens, ist immer irgendwie in deinen Bildern enthalten. Es gibt nicht die Illusion, dass es ein spontaner Moment wäre. Selbst wenn etwas in freier oder gestalteter Natur passiert, sieht man sofort: Das ist kein Schnappschuss.
Den Fotografischen Moment denke ich immer mit.
Es gibt schon auch ein paar wenige Schnappschüsse. Zum Beispiel ein Bild vom Hafengeburtstag in Hamburg: Da fährt ein großes Containerschiff an einem kleinen, hölzernen Wikingerschiff vorbei. Das ist quasi ein Schnappschuss. Damals hatte ich mich viel mit Bas Jan Ader beschäftigt, der mit einem kleinen Segelboot auf dem Atlantik verschollen ist. Ich mag es gerne, wenn ein Bild so eine Offenheit hat – wenn verschiedene Zeitlichkeiten aneinander vorbeiziehen.

Um noch einmal auf deine Anfänge zurückzukommen: Würdest du sagen, dass du in den Neunzigern an der eher einen konzeptuellen Ansatz vermittelt bekommen hast? Oder einen instinktiven?
Es war eine Mischung. Es gab tolle Theoretiker: Sabeth Buchmann war sehr wichtig für mich, oder Laszlo Glozer. Da es an der HFBK kaum Fotografie gab und kein funktionierendes Labor, habe ich gemeinsam mit Freunden an der Fachhochschule heimlich die Kurse mitgemacht. Die war nur zehn Minuten entfernt. Dort war gerade der Werbefotograf Hans Hansen zu Gast. Von dort und von Freunden habe ich mir die ganze Technik und die Freude am Umgang damit angeeignet. Während des Studiums habe ich mir dann tatsächlich ein eigenes Labor eingerichtet, weil es an der HFBK schlichtweg kein funktionierendes gab und ich unbedingt den Farbprozess selbst mitbestimmen wollte.
Es gab kein Farb-Fotolabor an der Kunsthochschule? Das sagt einiges über die Prioritäten aus.
Ich wollte immer Farbfotografie machen, aber dort gab es nur Schalenentwicklungen, die überhaupt nicht funktionierten. Dann habe ich mir eben ein eigenes Labor zusammen mit Freunden eingerichtet. Wir haben zwei Vergrößerer und eine gebrauchte RA4 Colenta Maschine gekauft, und ein Freund hatte neben seinem Proberaum im Hamburger Freihafen einen Abstellraum frei, den er uns für 70 Euro im Monat vermietet hat.
Es zeigt, dass sich die HFBK damals nicht um Fotografie gekümmert hat.
Zumindest nicht um Farbfotografie. Als ich dort studierte, unterrichteten Wilhelm Körner und Silke Grossmann. Ihre Haltung war, dass Schwarz-Weiß-Fotografie Kunst sei und Farbfotografie irgendwie mit Werbung und Angewandter Kunst assoziiert sei und deswegen eben keine richtige Kunst. Mir war das aber völlig egal, ich wollte einfach Bilder in Farbe machen . Da war es großartig, dass Wolfgang Tillmans kam. Das war wie eine Befreiung, weil er meine mit anderen Augen als die älteren Professor*innen sah und schätzen konnte. Die anderen, die dort Fotografie unterrichteten, hatten keinen Zugang dazu.
Die haben lieber schwarzweiß fotografiert?
Ja, genau. Ich sollte zum Beispiel auf dem Gang ausstellen und nicht im Klassenraum – weil es die schwarz-weißen Arbeiten angeblich störte.
Ab in die Ecke.
Ich bin immer dorthin gegangen, wo es Offenheit gab und wo es Spaß gemacht hat. Bei Cosima von Bonin zum Beispiel. Sie hatte eine Ausstellung im Hamburger Kunstverein und hat uns sofort in ihre Performance und Filmaufnahmen einbezogen. Das war toll, weil wir als Gruppe viel zusammen gemacht haben – außerhalb der Strukturen der Hochschule.
Hamburg muss ein toller Ort gewesen sein zu der Zeit.
Ja, das war eine sehr schöne Zeit. Der Golden Pudel Club war ein Zentrum. Dort fand 1999 meine erste Ausstellung statt, in einem Raum, in dem normalerweise Bierkisten lagerten. Die wurden montags ausgeräumt und dann konnte die Ausstellung für den Abend stattfinden. Die Akademie Isotrop, eine Gegenbewegung zur Akademie hatte sich montags immer dort getroffen.
Heute unterrichtest du selbst. Was hast du deinen Student*innen an der Akademie in Düsseldorf versucht mitzugeben?
Wichtig ist mir vor allem, den Spaß und die Neugier an der Sache zu vermitteln – am Bildermachen, am Bilder sehen und hinterfragen. Und dass man alles ausprobiert, was verfügbar ist, analog, digital, eigene Bilder finden, sich Bilder anderer anzueignen etc. Und: Die Studierenden sollen sich nicht einschränken lassen durch soziale Medien, wo alles so unmittelbar präsent und abrufbar ist und alles die gleiche Materialität hat. Es ist etwas ganz anderes, ein Werk im Original zu sehen und nicht nur auf dem Screen.
Was hat dich dann aus Hamburg weggelockt?
Ich hatte schon während des Studiums eine Galerieausstellung bei der Galerie Crone in Berlin. Außerdem fühlte sich die Hamburger Kunstszene mit der Zeit immer enger an. 2004 wurde in der WG von Judith Hopf, einer Freundin in Kreuzberg ein Zimmer frei und als sie mich gefragt hat, ob ich einziehen möchte, habe nicht lange überlegt. Berlin war wie ein riesiger Spielplatz, mit so vielen Ausstellungsräumen und verschiendenen Szenen, in denen ich mich bewegen konnte. In Berlin war es auch einfacher, internationale Kontakte zu knüpfen.
Dein Studio liegt auf der anderen Straßenseite dieses WG-Zimmers. Seitdem bist du hier.
Genau.
Es ist spannend, Dich in Deinem Studio zu besuchen, weil ich auf einmal das Gefühl habe, dass der reale Raum in deine Bildern irgendwie durchdiffundiert – vielleicht ist es wirklich die Lichtsituation. Unten fährt die Berliner U-Bahn vorbei, und du hast erzählt, dass du die Reflexion des Sonnenlichts auf den gelben Wagen manchmal bewusst nutzt. Entstehen alle deine Arbeiten hier im Studio?
Es gibt schon auch Aufnahmen, die draußen entstanden sind, wie die des Reiters […] oder einige Architekturaufnahmen. Aber vieles entsteht im Studio. Die großen Fenster gehen nach Norden, und durch die Tür zu meinem Büro kommt von der anderen Seite des Hauses schönes Licht, vor allem im Frühling. Um das nutzen zu können, habe ich die Wand hier in diesem Winkel eingebaut.



Seit wann arbeitest du digital?
Ich habe 2016 damit angefangen. Relativ spät, weil es mir immer großen Spaß gemacht hat, analog zu arbeiten. Ich habe immer wieder Tests mit digitaler Technik gemacht. Irgendwann war sie so gut, dass ich mir vorstellen konnte, beides zu machen. Ich fotografiere auch heute manchmal noch auf Film. Wenn man draußen fotografiert – den Himmel zum Beispiel –, hat die Zeichnung auf einem Negativ Film schönere Farbübergänge.
Was ist der Unterschied?
Das Bild ist differenzierter, vor allem in Gegenlichtsituationen, und es hat eine andere Weichheit. Oft kann man heute kaum noch unterscheiden, ob ein Bild digital oder analog aufgenommen wurde – vor allem wenn es dann Digital gedruckt wird. Nur in manchen Lichtsituationen merkt man es noch. Für mich macht es keinen allzu großen Unterschied, denn ich arbeite digital ziemlich ähnlich wie früher analog. Ich bearbeite meine Bilder nicht stark – höchstens so wie früher in der Dunkelkammer, indem ich eine Stelle heller oder dunkler mache.
Machst du viele Aufnahmen für ein Werk?
Das ist unterschiedlich. Manchmal mache ich wenige Aufnahmen und es stimmt dann gleich, manchmal fotografiere ich das Objekt so lange wieder und wieder, bis es genau so ist, wie ich das Bild haben möchte. Der Print ist das Endprodukt, ich denke ihn beim Fotografieren schon mit. Auch in welcher Größe ich die Bilder später ausstellen werde.
„Die Bücher“sind annähernd lebensgroß wiedergegeben, aber nicht exakt.
Bei den Bildern für „Die Bücher“ habe ich schnell gemerkt, dass man sie ein wenig vergrößern muss, damit ein gewisser Abstraktionseffekt und eine Distanz entstehen kann. Gleichzeitig wollte ich sie nicht so groß machen, dass sie wie Plakate wirken. Es sollte noch etwas Intimes da bleiben. Ich habe mich deshalb das Format 50 × 72 cm entschieden.

Installationsansicht von Annette Kelm: Die Bücher im Projektraum DFI e.V.
© AR / Courtesy DFI e. V.
Du machst Probeabzüge selbst, druckst aber woanders?
Früher habe ich natürlich alle Bilder selbst vergrößert. Mir war immer wichtig, den Prozess selbst steuern zu können: wie der Print aussieht und alles Weitere – außerdem macht es immer wieder Spaß die Bilder auszuarbeiten. Tests und kleinere Prints mache ich hier selbst – ich kann hier im Atelier bis A2 drucken. Für die finalen Prints, die größer als A2 sind arbeite ich aber mit Susanna Kirschnick und Christine Fenzel von Go Digital zusammen. Sie sind fantastische Printerinnen, die während der fast 20-jährigen Zusammenarbeit auch zu Freundinnen geworden sind. Sie sind beide Künstlerinnen, die ursprünglich das Labor für Ihre eigene Arbeit eingerichtet haben. Auch deshalb haben sie ein großes Verständnis für die Arbeiten und es ist ein großes Geschenk mit ihnen zusammenzuarbeiten. Das Labor verbindet auch viele tolle Künstler*innen, die schon seit Jahren mit ihnen zusammenarbeiten.
Bei großformatigen Bildern wird es mittlerweile schwierig, alles noch zu bekommen – Glas in der Größe, das passende Papier. Ein Spezialproblem der Großformate?
Mein größtes Motiv liegt zur Zeit bei etwa 1,40 × 1,10 Metern, daher betrifft mich das im Moment nicht. In der Fotografie war es immer so, dass Entwicklungen vom Massenmarkt bestimmt wurden. Als Amateurfotograf*innen nicht mehr auf Film fotografierten, wurden viele Filme eingestellt. Künstlerische Fotografie macht nur einen kleinen Teil aus. Wir können nur schauen, was überhaupt verfügbar ist und damit arbeiten. Einige haben versucht, Filmemulsionen nachzugießen oder alte Materialien und Wissen zu retten. Es gibt immer wieder Menschen, die versuchen, Techniken wie Dye Transfer zu erhalten, aber wenn es keine massenhafte Verwendung dafür gibt, ist es schwierig das wirtschaftlich aufrecht zu erhalten.
Wie siehst du in diesem Zusammenhang die Arbeit des entstehenden Deutschen Fotoinstituts?
Das Institut ist sehr wichtig für uns Fotograf*innen und Künstler*innen, ich hoffe, dass es nun wirklich bald mit der Arbeit beginnt. Nur wenige können all die Materialforschung, Archivierungsprobleme etc. allein bewältigen. Viele, die ich kenne, forschen für sich, wie sie die alten Negative am besten erhalten, suchen nach einem Weg, die Werke neu zu drucken, ohne das der ursprüngliche Charakter der Arbeit verloren geht. Ältere Freunde überlegen, an welche Institution sie ihren Vorlass oder Nachlass übergeben möchten und sind oft ratlos, weil die Konservierung der Arbeiten besonderes Wissen und Technik erfordern. Das können nur wenige Institutionen leisten und viele wichtige Nachlässe gehen deshalb auch ins Ausland, wie der von Marianne Wex. Es ist eine große Aufgabe, sich neben der Entwicklung der eigenen künstlerischen Arbeit – die für mich und die meisten das Wichtigste ist - noch mit all diesen konservatorischen Fragen zu beschäftigen. Denn eigentlich möchte man doch neue Bilder machen, statt sich vor allem um den Fortbestand der alten zu kümmern.
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Das Gespräch führte Boris Pofalla.
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Annette Kelm wurde 1975 in Stuttgart geboren und lebt und arbeitet in Berlin.
Einzelausstellungen fanden unter anderem im ICA Milano (2023), der Kunsthalle zu Kiel (2022), der Kunsthalle Wien (2018), der Fosun Foundation, Shanghai (2018), der Kestner Gesellschaft Hannover (2017), dem Museum of Contemporary Art Detroit (2016) und den KW Institute for Contemporary Art Berlin (2009) statt. Zudem nahm sie an der 54. Venedig Biennale und zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen teil.
Ihre Werke befinden sich in bedeutenden Sammlungen wie dem Centre Pompidou Paris, dem Museum of Modern Art New York, dem Solomon R. Guggenheim Museum New York, der Tate Modern London, der Sammlung zeitgenössischer Kunst der Bundesrepublik Deutschland sowie dem Museum Ludwig Köln.
Annette Kelm war im letzten Semester Vertretungsprofessorin in der Klasse für Fotografie von Christopher Williams an der Kunstakademie Düsseldorf.
Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Unterstützung der Landeshauptstadt Düsseldorf sowie von Esther Schipper, Berlin/Paris/Seoul